Reportagen

Besuch bei der TEXTILE ART BERLIN – Online !

Top Thema

Natacha Wolters, Spiritus rector der TEXTILE ART BERLIN, sagte mir: „Es scheint mir wichtig, nach unserem Online-Event die tiefen Beweggründe zu benennen, die mich in einer Zeit der Pandemie dazu getrieben haben, alles in die Wege zu leiten, um trotz allem zu zeigen, was das textile Schaffen des Augenblicks an Kraft und Ausdauer zeigt.
Es ist diese Beharrlichkeit im künstlerischen Ausdruck, die mich fasziniert, ebenso wie das ganze Know-how, das dahinter steckt.
Ich habe oft erlebt, wie die Schaffung eines einzigartigen Textilstücks oder die Entwicklung einer Kunsthandwerkstechnik zu Gefühlen von Erfüllung und Glück führt. Ich kenne nichts Besseres gegen monatelange Isolation und gesundheitliche Einbrüche.
Wie alle Kulturgüter muss auch die Textilkunst auf die eine oder andere Weise gezeigt werden. Jetzt.
Es war höchste Zeit!“

Kann man eine Messe virtuell genauso genießen wie in der Realität? Ja, man kann! Natürlich fehlt die Interaktion mit den Besucherinnen und Besuchern, es fehlen die Gespräche, die Treffen mit Bekannten, die man jedes Jahr nur bei dieser Messe trifft. Aber die vielen wundervollen Bilder in den 29 Ausstellungen, den 78 Präsentationen und den Modenschauen haben mich in reichem Maße entschädigt.

Ganz begeistert war ich von den roten Samplern, eigentlich gedacht für die TEXTILE ART BERLIN 2020. Nicht weiter verwunderlich, werden viele denken, alle die, die wissen, dass Rot meine Lieblingsfarbe ist. Hier kleine Kunstwerke von Heike Becker, Christine Bell, Pia Fischer, Ulrike Stelzig-Schaufert, Ute Stefani und Susanne Weber sowie eine Gemeinschaftsarbeit von Dagmar Buchholz, Petra Helbig, Maria Schröder, Xenia Wenzel, Rita Zepf.

Da die TEXTILE ART BERLIN 2020 ausfallen musste, wurde ein zusätzlicher Sampler-Wettbewerb ausgeschrieben: „Hell auf dunkel“. Ich zeige eine Auswahl kleiner filigraner Kunstwerke von Uta Grunert, Sabine Kirstein, Eva Mühlebach, Christiane Schöbel, Rita Zepf und Renate Landsgesell: gefilzt, gestickt, mit Perlen bestickt, bemalt, bedruckt, appliziert.

Petra Ewler überzeugt mich jedes Mal mit neuen aufregenden Werken. Hier stand zu lesen: „Eine Serie von Upcycling-Werken zeigt die experimentelle Auseinandersetzung mit einer abstrakten geometrischen Urform, dem Quadrat. Quadrate zum Quadrat angeordnet und durch Techniken wie Verschmelzen, Verformen, Schichten etc. bearbeitet, bilden die Motive.“

Erst vor kurzem entdeckt – und interviewt – habe ich Sawatou Mouratidou. Sie sagt von sich: „Ich arbeite in Filz. Meine aktuellen Arbeiten beschäftigen sich mit dem Thema Mensch-Sein und dem Zusammenleben in verschiedenen Kulturen.“  Ihre gefilzten Figuren haben mir ausnehmend gut gefallen.

Auch Robert Hogervorst habe ich vor kurzem erst interviewt. Von ihm zeige ich zwei Arbeiten. Er selber sagt dazu: „Meine Textilcollagen bilden seit 2019 einen neuen Spross zu meiner Arbeit als Maler und Skulpteur. Die Textilcollagen haben sich organisch entwickelt aus meinen Aquarellkreide-Zeichnungen, insbesondere der Serie „Summerhouses to rent.“

Almyra Weigel kenne ich schon eine ganze lange Weile und jedes Mal wieder begeistert sie mich mit ihren neuen Arbeiten. Hier hat sie mit Heißkleber Papier auf Leinwand gebracht. Sie bietet an, in einer künstlerisch anspruchsvollen Collage Bilder von Verwandten und Freunden zu einem Fresko im alten Stil mit modernem Touch gestalten. Väter und Söhne sind im rechten Werk zu erkennen und „Schöne Menschen“ sind auf dem linken Bild versammelt.

Die Textilwerkstatt Berlin zeigte eine Gruppenausstellung. Die Werkstatt sieht sich als „Ort des textilen Experimentierens, der Umsetzung neuer Ideen innerhalb der Textilkunst, die kombiniert, abgewandelt und neu gestaltet werden.“ Hier Arbeiten von Rita Zepf, Christiane Schöbel und Carola Fiedler.

Gudrun Leitner hat den alten Mähdrescher auf dem Bauernhof ihrer Eltern in Stoff umgesetzt. 2012 hat sie mehrere Fotos von ihm gemacht.
„Auf einem habe ich durch die Walze in den Himmel fotografiert und mir gefiel das Ergebnis so gut, dass ich es mit Stoff umsetzen wollte. Beim Bearbeiten des Motivs hatte ich die Idee, das Bild in 40 Teile aufzuteilen. So nahm ich mir einzelne Teile heraus und begann, sie zu bearbeiten. Zuerst sollten es nur vier Teile werden, doch im Laufe der Jahre sind es nun 22 Teile geworden. Jedes Bild ist anders und eigenständig und doch ergeben sie zusammen das ursprüngliche Foto.“

Professorinnen und Studentinnen der VDA Kunstfakultät Kaunas in Litauen präsentieren seit einigen Jahren bei der TEXTILE ART BERLIN aufregende Werke. Ich erinnere nur an den Bilderzyklus „Women in their Fifties“ von Laima Oržekauskienė, der 2014 zu bewundern war. Dieses Mal zeigten zwei Absolventinnen ihre Masterarbeiten.

Indrė Spitrytė war auf der „Suche nach neuer Materialität“. Sie sagt dazu: „Ziel meiner Forschung ist es, die Anforderungen nachhaltiger Materialien zu analysieren, welche als Antwort auf die Suche nach neuer Materialität entstehen. Dies ist mein jüngstes und laufendes Projekt, das mit einer SCOBY – Symbiotic Community of Bacteria and Yeast – begann. Es ernährt sich von Zucker, Polyphenolen und anderen Nährstoffen, die in grünem oder schwarzem Tee gelöst sind. Während des Fermentationsprozesses bilden Bakterien einen schwimmenden Cellulosefilm auf der Oberfläche des Tees. Inspiriert von den Entdeckungen und Experimenten von Suzanne Lee und anderen Forschern bzw. Entwicklern mit Kombucha-Leder, beschloss ich, meine neue Oberfläche zu vergrößern und ihre Möglichkeiten zu erkunden. Durch Experimentieren mit natürlichen Färbe- und Züchtungstechniken wurden neue Farben, Texturen und Formen geschaffen.“

Lukrecija Zigmantaitė nannte ihre Arbeiten „Zwischen Nostalgie und Innovation: Denim – Perspektiven im Kontext nachhaltiger Mode“ und sagt dazu: „Die Kollektion enthüllt nostalgische und emotionale Aspekte von Denim-Kleidungsstücken und Denim-Stoffen. Sie tragen eine ewige symbolische Botschaft von Jugend, Freiheit, Individualität. Stilmotive wie Hippie-Slogans, Tie-Dye-Techniken, Kombinationen verschiedener Stoffe, Punk-inspirierte Stickereien mit losen Fäden und Ripping-Techniken erscheinen in den Kollektionsstücken, um das jugendliche Ziel der Selbstbestimmung und der Befreiung auszudrücken.“

Lin Maslow, ein amerikanischer Künstler, präsentierte »The weaving world of Linsight«.  Er ist ein Weber, der sich auf Tapisserien aus gewebten Bändern und auf gewebte und geflochtene drei-dimensionale Objekte spezialisiert hat. Im Moment ist er jedoch wieder im Beruf eines Krankenpflegers tätig – als Leiter eines Corona-Impfzentrums in Kalifornien.

Diane Lavoie zeigte unter anderem Stoffwaldinstallationen. Sie sagt dazu: „Meine Ausstellung beschäftigt sich mit Nachhaltigkeit und Biodiversität. Indem ich Textilinstallationen in die Landschaft bringe, spiele ich mit der Idee einer persönlichen und idealisierten Umwelt.“

Zum Abschluss des ersten Teils meines Berichts noch Bilder von Molas aus der Sammlung Hartmann. Die Vorder- und Rückenteile jeder Bluse der Kuna-Indianerinnen werden in Reverse-Applikations-Technik ausgeführt. Hier Bilder vom Fischfang und eine Mola mit Fischen und Vögeln.

Der zweite Teil meines Berichts von der TEXTILE ART BERLIN online folgt in wenigen Tagen.