Reportagen

Die Kurfürstliche Garderobe und die Königliche Garderobe August des Starken im Dresdner Schloss

Blick in die Dauerausstellung "Kurfürstliche Garderobe" im Renaissanceflügel des Residenzschlosses Dresden, Foto: HC Krass, Copyright: SKD

Macht und Mode – unter diesem Motto eröffnen verschiedene Ausstellungsbereiche im Dresdner Residenzschloss einen farbenprächtigen Blick in die Vergangenheit. Zweifellos spiegelt sich Macht im Schönen. Umso mächtiger jemand war, umso schöner präsentierte sich diese Person vor anderen. Dass sich die Körper der Mächtigen in schönstem Schmuck und prächtigsten Gewändern zeigten, mag angesichts dessen kaum verwundern. Die europäischen Königshöfe fungierten Jahrhunderte lang regelrecht als Bühnen für die Inszenierung von Herrschaft in Prunk und Pracht. Wenn sich Gold- und Silberschmuck, Perlen und Diamanten recht beständig von einer Generation zur nächsten vererben ließen, verschwanden mancherorts edle Roben ganz unbemerkt und hinterließen allenthalben Spuren ihrer Existenz auf den Porträts hoher Herren und schöner Damen. So wurde etwa im englischen Schloss Hampton Court bis vor Kurzem mit dem Bacton Altar Cloth eine besondere textile Kostbarkeit präsentiert. Der Stoff war nach Ansicht der Wissenschaftler vermutlich einst Bestandteil eines von Königin Elisabeth von England getragenen Kleides. Es soll sich dabei um das auf dem berühmten Regenbogenporträt dargestellte luxuriöse und aufwendig hergestellte Prachtgewand der Königin handeln.

Um so weiter unser Blick in die Vergangenheit reicht, umso weniger textile Schätze lassen sich entdecken. Angesichts dieser Tatsache ist es überaus bemerkenswert, dass die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden über eine der beeindruckendsten Sammlungen historischer Kleidungsstücke verfügen, die im Dresdner Schloss bewundert werden kann. Zu sehen ist zum einen die Kurfürstliche Garderobe im Ersten Obergeschoss in der seit dem Frühjahr 2017 eröffneten Dauerausstellung sowie die Königliche Garderobe August des Starken als Teil der im Herbst 2019 wiedereröffneten Paradeappartements im Zweiten Obergeschoß.

Dass dieser Schatz gerettet wurde, ist auf drei Faktoren zurückzuführen: ein stark ausgeprägtes Bewusstsein für die Macht versinnbildlichende Bedeutung von Kleidung innerhalb der Mitglieder der Dynastie; die sorgfältige Bewahrung durch die mit dem kulturhistorischen Erbe beschäftigten Menschen; und glückliche Fügungen, die diesen Schatz gerettet haben. Kurfürst August von Sachsen veranlasste 1553 die Bewahrung der Kleider seines Bruders Moritz von Sachsen, durch den die Kurwürde auf die Albertinische Linie überging, um ihn zu würdigen. Von Generation zu Generation wurde diese Praxis weitergeführt. Die Kleider der Kurfürsten befanden sich bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts in der Obhut des Hofschneiders in der kurfürstlichen Schneiderei im Residenzschloss. August der Starke beauftragte 1711 die Überführung von insgesamt 250 Kleidungsstücken der verstorbenen Kurfürsten zur Verwahrung in der Rüstkammer. Nachweislich wurden bereits zurzeit von Kurfürst Johann Georg II. (er regierte von 1656 bis 1680) die täglich benötigten Gewänder der Regenten in der Garderobe aufbewahrt. Diese diente oft zugleich als Ankleidezimmer und befand sich meist in der Nähe der privaten Räume. Nachdem August der Starke 1733 verstorben war, beauftragte sein Sohn die Überführung einer Auswahl von Kleidern und Waffen seines Vaters in die Rüstkammer. Ein Gesamtverzeichnis von der Garderobe Augusts des Starken ist leider nicht überliefert. Von den zehn Staatskleidern des Kurfürst-Königs, die nachweislich in die Rüstkammer kamen, sind bis heute acht erhalten.

Die Zeitreise zu den textilen Schätzen beginnt mit dem Aufstieg über die Englische Treppe in die erste Etage. Der Weg führt durch den Ausstellungsbereich „Auf dem Weg zur Kurfürstenmacht“, der unmittelbar beim Übergang in den nächsten Schlossflügel in die Ausstellung der Kurfürstlichen Garderobe hinübergeht, die vier Ausstellungsräume umfasst. Diese Sammlung ist so schön wie selten und wurde seit rund 75 Jahren nicht mehr gemeinsam ausgestellt. Insgesamt umfasst sie 27 Kostüme fürstlicher Hoheiten aus dem Zeitraum zwischen 1550 bis 1650. Da die reich verzierten Stoffe lichtempfindlich sind, werden die Räume von einem sanften Licht erfüllt und die Gewänder außerdem in wechselnder Folge gezeigt. Zur Sammlung gehören im Einzelnen sechs vollständige Gewandensembles, elf Anzüge mit Wams und Hose, sechs Obergewänder und vier Damenkleider.

Was im Dresdner Schloss gezeigt wird, dokumentiert zum einen die hohe Qualität von Stoffen und Verarbeitungstechniken, berichtet zum anderen auch von der ambitionierten Sammlung und Weitergabe der Kostüme. Die internationale Museumslandschaft verfügt selten über derartig geschlossene und umfangreiche Sammlungen aus dem genannten Zeitraum. Ein paar Highlights mögen die Exklusivität der Sammlung verdeutlichen.

Schnell haben sich die Augen an das relativ schwache Licht gewöhnt, wobei der erste Blick auf die großformatigen Porträts der kurfürstlichen Familie von Lucas Cranach der Jüngere fällt. Die Ganzfigurenbildnisse zeigen den Kurfürsten August von Sachsen, seine Frau Kurfürstin Anna von Sachsen und seine beiden Kinder Alexander und Elisabeth. Ursprünglich umfasste das Ensemble sechs Porträts, inzwischen befinden sich jedoch zwei weitere Kinderbildnisse in Privatbesitz. Als dänische Prinzessin reiste die nachmalige Kurfürstin Anna an und wurde als 15-jährige 1548 mit dem 21-jährigen Wettiner verheiratet. Nachdem beide als Kurfürstenpaar 1553 die Herrschaft in Sachsen übernommen hatten, Dresden als Hauptresidenz förderten und recht erfolgreich regierten, würdigten die Geschichtsschreiber beide als „Vater August“ und „Mutter Anna“.

Die Familie präsentiert sich in reichem Schmuck und kostbaren Stoffen, wobei in der Kleidung der Eheleute Schwarz dominiert, während die der Kinder durch ein kräftiges Rot bestimmt ist. Bekannt ist, dass Kurfürstin Anna eine sehr modebewusste Fürstin war. Hier ist die etwa 32-jährige Kurfürstin in ein hochgeschlossenes Kleid samt Mantel gekleidet. Saum von Kleid und Mantelborte zeigen das gleiche Muster aus Bändern und Knoten, wie am Mantel ihres Mannes. Die zarten, gekräuselten Ärmelmanschetten sind mit winzigen Perlen bestickt. Von der Taille herab hängt ein Ziergürtel aus Gold und Edelsteinen, der in einen massiven Goldknopf mündet. Goldene Ringe schmücken ihre Finger, um den Hals trägt sie eine doppelt geschlungene große Kette aus perlen- und edelsteinbesetzten Gliedern sowie zwei große Kleinode, die an einfacheren Goldketten hängen. Ein weiteres eng am Hals liegendes Band zieren altertümliche Diamantkreuze sowie ein Kleinod mit großen Smaragden, aufgesetzten Perlen und einem weiteren Diamantkreuz. Laut dem Mitgiftinventar der Kurfürstin von 1548 brachte sie es aus Dänemark mit. Auf dem Kopf trägt die Fürstin eine ihrer berühmten, von ihr selbst hergestellten Perlenhauben aus Seide und Perlenstickerei, besetzt mit kleinen Juwelen aus Gold und Edelsteinen. Auf der Haube sitzt ein modisches Barett mit kleiner Hutschnur aus Rosetten samt eleganter Reiherfeder. Auf elegante Weise bezeugen die Lederhandschuhe und das weiße bestickte Tuch in den Händen der Fürstin ihre hohe Stellung.

Rings umher im Raum befinden sich in gläsernen Vitrinen eine Reihe kostbarer Gewänder aus dem Besitz der Kurfürsten Moritz und August. Die Fürstenmode des 16. Jahrhunderts war von Spanien und Italien geprägt. Was hier an Varianten des Herrenrocks zu sehen ist, kann man ansonsten nur auf Fürstenbildnissen sehen oder wurde in Fürstengräbern geborgen. Ein Kleidungsstück symbolisiert das politische Geschehen der Zeit auf ganz einzigartige Weise. Es ist ein Beuterock des Kurfürsten Moritz von Sachsen, den er von einem Feldzug gegen Kaiser Karl V. 1552 mitbrachte. Es handelt sich dabei um einen luxuriösen schwarzen Seidensamtrock mit Seidenpelzfutter, worauf das rote Lilienkreuz des spanischen Ritterordens von Calatrava zu sehen ist. Es ist kein Ordensrock, vielmehr ein weltliches, sehr modisches Kleidungsstück aus der Zeit um 1550, einst Teil der Bagage Kaiser Karls V. und seiner Begleiter. Auf der Flucht vor Moritz von Sachsen, der das Heer der protestantischen Fürstenopposition anführte, war der Rock in Innsbruck verblieben. König Ferdinand I. hatte alles, was nicht ihm selbst gehöre, als Beute freigegeben. Insbesondere da das Gewand das Emblem des katholischen Ordens aufwies, machte es den Rock für die Protestanten zu einer Trophäe ihres Sieges über den katholischen Kaiser. Moritz bestimmte ihn zur dauerhaften Aufbewahrung.

Ein paar Schritte weiter zu sehen sind gleich drei Kleider aus dem Besitz von Kurfürstin Magdalena Sibylla, die neben einem weiteren Kleid ihrer Tochter zu den einzigen erhaltenen Damengewänder aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gehören. Die Kurfürstin war die Ehefrau von Kurfürst Johann Georg I., einem Enkelsohn von Kurfürstin Anna und wie jene eine sehr modebewusste Dame, was etwa die hier gezeigten Gemälde verdeutlichen. Bewundert werden kann ebenso ein Prunkkleid in Goldgelb und Lachsrot mit Gold- und Silberspitze, das mit der Fasson, den nuancierten Farben und den raffinierten Schmuckdetails der italienischen Damenmode um 1590 bis 1620 folgt. Der ansprechende sternengleiche Schulterschmuck entstammt der Braut- und Festkleidung der vornehmen Venezianerinnen ihrer Zeit. Vorreiterinnen jener Mode waren Königinnen und Prinzessinnen des englischen und dänischen Königshauses ebenso wie Maria de’ Medici, Herzogin von Florenz und Königin von Frankreich.

Der letzte Raum der Ausstellung ist einem aussagekräftigen Ensemble vorbehalten: dem Landschaftskleid von Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen (1585 bis 1656). Die Kurfürstenwitwe Sophie schenkte es zum Regierungsantritt ihrem Sohn, der nach dem plötzlichen Tod seines Bruders Christian II. im Jahr 1611 dessen Amt übernehmen musste. Wie ein umlaufender Fries ist es bestickt mit den Ansichten der Elblandschaft rund um Dresden und Meißen, zeigt Menschen und Tiere, Ackerbau und das Dresdner Residenzschloss. Trug der Herrscher diesen Mantel, umgab ihn das ihm anvertraute Kurfürstentum, und er stand augenscheinlich wie symbolisch in dessen Zentrum.

Von den raffinierten Roben der Renaissance geht es nun über die Englische Treppe ins Zweite Obergeschoss, um die Paradeappartements zu sehen. Der Kurfürst-König August II. hatte im Februar 1711 den Entschluss gefasst, das 1701 teilweise abgebrannte Residenzschloss wiederaufzubauen. Im September 1719 konnte August der Starke in den neuen Prunkräumen voller Stolz seinen Sohn und dessen Frau, Erzherzogin Maria Josepha, die älteste Tochter des verstorbenen Kaisers Joseph I., empfangen.

Um zur Königlichen Garderobe Augusts des Starken zu gelangen, werden mehrere Räume bis zum Eckparadesaal durchquert. Von diesen geht es nun links durch zwei Retiraden, in denen neben Waffen, diplomatischen Geschenken und Gemälden auch mehrere restaurierte Prunkgewänder auf eigens zu diesem Zweck angefertigten Gestellen zu sehen sind, zum Paradeschlafzimmer. Wie elegant nach französischen Vorbildern in Dresden Stoffe und Materialien in vollendeter handwerklicher Könnerschaft hergestellt und verfeinert wurden, ist kaum beim ersten Betrachten wahrzunehmen. Das Detail ist aussagekräftig, zugleich versinnbildlichen insbesondere zwei der gezeigten Kleidungsstücke anschaulich Höhepunkte und Niederlagen dieses machtbewussten Mannes, der sich in der Inszenierung seiner Person an den Höfen von Versailles und Wien orientierte.

Es handelt sich um zwei goldbestickte Lederkleider. Da ist zum einen der beschädigte Rock nach französischer Mode als Teil eines militärischen Staatskleides, der in Dresden vor 1702 aus Wildleder mit Goldstickerei und Seidensamt gefertigt wurde. Im Großen Nordischen Krieg führte ihn der König bei seinen Feldzügen gegen die Schweden mit sich. So fiel dieser nach einer Schlacht in die Hände der siegreichen schwedischen Truppen und wurde später von den sächsisch-polnischen Truppen samt anderer Beute zurückerobert. Da waren bereits der linke Vorder- und Rückenschoss herausgetrennt, Weste und Hose fehlen komplett. Das kostbare Material hatten die Schweden schon unter sich aufgeteilt. Der zweite goldbestickte Rock, der bis auf kleinere modische Variationen dem von 1702 gleicht, symbolisiert zugleich den erneuten Aufstieg. Schließlich konnte August 1709 die polnische Königskrone wiedererlangen.
Wenige Räume später können Besucherinnen und Besucher dem König mit all den Zeichen der Macht fast selbst begegnen, denn so lebensnah und insbesondere durch die Gewänder und Insignien erlebbar, erscheint die Inszenierung der Macht. Am Audienzstuhl vorbei gelangen die Betrachter zur „königlichen Statua“, der Krönungsfigur Augusts des Starken, bekleidet mit dem Römischen Krönungsornat, den Insignien und einem nach dem Leben abgeformten Antlitz. Neben dem Kurhut, Gardewaffen, Wappen und Heroldsstäben werden die originalen Bestandteile des Krönungsornats von August dem Starken (1697) sowie die Kronfahnen und Kronschwerter Polens und Litauens zur Krönung von August III. (1734) gezeigt.

Zweifellos braucht es mehr als einen Schlossbesuch, um all die Kostbarkeiten und Raritäten der Dresdner Kunstsammlungen gebührend zu würdigen. Neben dem leibhaftigen Flanieren zwischen Schaustücken und Gemälden bietet die Online Collection (https://skd-online-collection.skd.museum/) eine wunderbare Gelegenheit, sich auf einen Besuch in der Zukunft vorzubereiten oder sich über das bereits Gesehene ausführlicher zu informieren und die Objekte ins Gedächtnis zurück zu rufen. Da die Rekonstruktionen und Restaurierungen der nahezu unerschöpflich wirkenden Kunstsammlungen noch lange nicht beendet sind, dürfen sich alle Fans von schönen Roben und luxuriösen Stoffen freuen.

Literatur:

– https://ruestkammer.skd.museum/ausstellungen/kurfuerstliche-garderobe/
– https://www.skd.museum/ausstellungen/paraderaeume-im-dresdner-residenzschloss/
– Dresdener Kunstblätter: 4/2019 – Paraderäume (Dresdener Kunstblätter / Vierteljahreszeitschrift der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden), hrsg. von den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Dresden 2019.
– Katrin Keller, Kurfürstin Anna von Sachsen (1532–1585), Regensburg 2011.
– Editha Weber, Fürstinnen im Grünen. Spaziergänge durch Schlossgärten, Berlin 2016.

Um die Ausbreitung des Corona-Virus zu verlangsamen, bleiben die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden voraussichtlich bis einschließlich 20. April 2020 geschlossen.