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Emilie Flöge – Modeschöpferin und Lebensfreundin von Gustav Klimt

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Wer sich näher mit dem österreichischen Maler Gustav Klimt (1862-1918) befasst, begegnet unweigerlich auch Emilie Flöge, Klimts lebenslanger engster Freundin. Trotz seiner zahllosen Affären und einiger unehelicher Kinder, lebte er diese Freundschaft mit Emilie Flöge unbeirrt über viele Jahre, schrieb ihr hunderte von Postkarten von überall her und verbachte mit ihr (und anderen Familienmitgliedern) auch 1910 bis 1916 die Sommerferien am Attersee. Ab 1891 hielt er sie auch auf verschiedenen Gemälden fest.

Emilie Flöge, am 30. August 1874 in Wien geboren, erlernte den Beruf der Schneiderin und etablierte sich 1904, mit 30 Jahren, als Modeschöpferin. Gemeinsam mit ihren Schwestern Helene und Pauline eröffnete sie den Wiener Modesalon ‚Schwestern Flöge’ im ‚Casa-Piccola-Haus’ in der Mariahilferstraße. Helene war mit Gustav Klimts Bruder Ernst (1864-1892) verheiratet und sehr jung verwitwet.

Die Schwestern Flöge boten mit wachsendem Erfolg in ihrem Modesalon die damals gängige Mode der Jahrhundertwende an, aber auch von Emilie selbst entworfene Modelle, die der Reformmode folgten: Kleider, die ohne Korsett getragen wurden, lose hängend, oft mit aufwendiger Ärmelgestaltung und in den wunderbarsten Stoffen im Design des Wiener Jugendstils. Der Modesalon Flöge arbeitete eng mit der Wiener Werkstätte zusammen, die 1903 als Produktionsgemeinschaft von Wiener Künstlern und Kunsthandwerkern wie z.B. Josef Hoffmann (1870-1956) und Koloman Moser (1868-1918) gegründet worden war. Die Produkte der Wiener Werkstätte reichten von Möbeln über Porzellan und Glas bis zu Textilien und graphischen Arbeiten. Der Flöge-Salon bezog von der Wiener Werkstätte Modeschmuck und Accessoires, zudem Stoffe und Entwürfe für Kleider. Auch Gustav Klimt entwarf einige Modelle im Stil der Reformmode für Emilie persönlich und für ihren Modesalon.

Eine Besonderheit war, dass die Einrichtung des Modesalons ebenfalls von der Wiener Werkstätte, von dem Architekten Josef Hoffmann, im geometrisch-strengen Wiener Jugendstil in Schwarz und Weiß gestaltet war. Davon ist bedauerlicherweise außer Fotos und einem Stuhl nichts mehr erhalten.

Als mit dem so genannten ‚Anschluss’ Österreichs an die nationalsozialistische deutsche Diktatur auch in Wien eine massive Verfolgung der jüdischen Bevölkerung begann, verlor der Modesalon Flöge seine wichtigsten Kundinnen: Die Frauen aus dem jüdischen Großbürgertum. Emilie Flöge musste 1938 ihren Salon, der zu seinen Glanzzeiten bis zu 80 Mitarbeiterinnen beschäftigt hatte, schließen.

Sie arbeitete jedoch als Schneiderin in ihrer Wohnung weiter. In den letzten Kriegstagen 1945 musste sie den Verlust ihrer Trachtensammlung und vieler persönlicher Erinnerungsstücke aus dem Klimt-Nachlass durch Brandbomben erleben. Als Emilie Flöge am 26. Mai 1952 mit 77 Jahren verstarb, war sie so gut wie vergessen. Erst mit der Wiederentdeckung und neuen Wertschätzung des Wiener Jugendstils und deren Vertreter seit den späten 1960er und vor allem 1970er Jahren trat sie als Lebensfreundin Gustav Klimts nach und nach wieder in das öffentliche Bewusstsein. Das Porträt, das Klimt 1902 von ihr malte – in einem wunderschönen blauen Reformkleid –, wurde wie andere Frauenporträts von Klimt zu einer Ikone des Wiener Jugendstils, der sich heute weiterhin großer Beliebtheit erfreut. Emilie Flöge mochte dieses Porträt übrigens nicht besonders.

Festzuhalten bleibt, dass Emilie Flöge aufgrund der persönlichen Verflechtung mit der Wiener Boheme des Fin-de-siècle durch ihren Lebensfreund Gustav Klimt fasziniert. Aber ebenso bemerkenswert ist ihr ganz eigener, selbständiger Weg als Modeschöpferin und Unternehmerin eines Modesalons, den sie mit ihren Schwestern gründete und lange Zeit erfolgreich führte. Das war im frühen 20. Jahrhundert eine Seltenheit, sei es in Wien oder anderswo.

Alle Fotos wurden von Birgit Ströbel aufgenommen. Das Gemälde von Emilie Flöge im blauen Kleid ist aus dem Internet.