Reportagen

ping pong – gestalten im dialog, Textil 13 und Gäste im Ortsmuseum Meilen bei Zürich

Top Thema

Ein Jahr später als geplant (Corona wollte es so …), konnte im Frühjahr 2021 die Ausstellung «ping pong – gestalten im Dialog» doch noch gezeigt werden. Die Gruppe Textil 13, eine Untergruppe der Interessengemeinschaft Weben Schweiz, hatte sie organisiert, womit sie das achte Mal an die Öffentlichkeit trat.

Schon immer interessierten sich die Mitglieder von textil 13 nicht nur für das Handweben, sondern ganz allgemein für alles, was mit Fäden und Fasern zu tun hat, aber auch für andere Gestaltungmöglichkeiten. Dies bestätigte sich auch in dieser Ausstellung. Allerdings lag der Grund nicht nur in den Interessen von Textil 13, sondern auch am Ausstellungsthema. Weil die Gruppe zurzeit nur noch aus 5 Mitgliedern besteht (eigentlich müsste sie nun textil 5 heissen), wählte sie für die Ausstellung das Thema Dialog. Jede Gestalterin suchte eine Partnerin, einen Partner. Dazu stiess die Lehrerin Maya Burgdorfer mit eigenen Arbeiten und solchen ihrer Schulklasse.

Die Arbeit zu zweit ist anspruchsvoll und anders, als wenn man allein verantwortlich ist. Zuallererst gilt es zu akzeptieren, dass der andere anders denkt, arbeitet, funktioniert. Voraussetzung für einen Dialog sind Einfühlung, gegenseitiger Respekt, sowie die Bereitschaft, Konflikte zu bewältigen und einen Konsens zu suchen.

Im Hin und Her des «ping pong» entstanden vielfältige Werke. Jedes Paar wählte sich ein eigenes Thema und Vorgehen. Einander den Ball zuspielend erarbeiteten die PartnerInnen aufeinander abgestimmte Arbeiten oder aber ein gemeinsames Werk. In den Ergebnissen manifestierten sich die Unterschiede der Persönlichkeiten, aber auch das Miteinander. Neben diesen präsentierte jedes Paar auf einem langen schwarzen Brett seinen Dialog, den es während der Entstehungszeit geführt hatte.

Arbeiten von Regula Gysin und Eveline Geiger

Die Handweberin Regula Gysin und die Malerin Eveline Geiger widmeten sich gemeinsam einer allgegenwärtigen Blume, dem Löwenzahn. Ob saftig grüne Blätter, knallgelbe Blüten oder luftig leichte Pusteblume – es ist nicht verwunderlich, dass die Löwenzahn-Metamorphose ein Symbol für Licht und Leben ist, und dass sie die beiden Künstlerinnen zu inspirieren vermochte. Im Hin und Her des Dialogs reagierte manchmal Regula auf ein Bild der Malerin, oder Eveline antwortete auf ein Gewebe der Weberin. Am Ende präsentierte Regula Gysin eine beeindruckende Schalkollektion, Eveline poetische Bilder. Die zarten Farben und Strukturen der beiden Werkserien berührten in ihrer Fülle – wie eine Löwenzahnwiese im Laufe der Jahreszeiten.

Arbeiten von Tanja Stutz und Anna Rapp

Wer nach der Haarwäsche die Haare unter einem um den Kopf gewickelten Handtuch zu trocknen versucht, kämpft damit, dass dieses verrutscht und die Drapierung sich ständig wieder auflöst … Die Designerin Anna Rapp entwarf einen Turban, der dank Knopfverschluss sitzt und erst noch schön aussieht. Da es schwierig war, geeigneten Waffelstoff zu bekommen, entwickelte sie zusammen mit der Handweberin Tanja Stutz für «ping pong» zwei Farbkonzepte und Waffelstoffe in den Farben von Muscheln. Die schön präsentierten Kollektionen «turbante mytilus» und «turbante tellina» wirkten frisch und modern, das Produkt überzeugte die BesucherInnen. Den Entstehungsprozess machten die beiden Gestalterinnen anhand von Muscheln, gemalten Farbproben, Fotos und Gewebemustern erfahrbar.

Arbeiten von Irene Brühwiler und Andreas Hofer

Die Textilkünstlerin Irene Brühwiler erarbeitete zusammen mit ihrem Ehemann, dem Künstler Andreas Hofer, ein überwältigendes Werk. Andreas malte zarte Farbstrukturen auf ein riesiges Papierformat, die an ein Gewebe erinnerten, und die Irene anschliessend stellenweise bestickte. Auf der Vorderseite erinnerte die Stickerei an Schriften, auf der Rückseite berührte sie durch ihre Ton-in-Ton-Schattenstruktur. Um den Pinsel abzustreifen, verwendet Andreas gewöhnlich kleine Lappen. Für einmal gab ihm Irene solche in grösserer Ausführung, die sie nach Gebrauch bestickte und aus denen sie zwei Kleider entwarf. Diese präsentierten die beiden Künstler ping-pong-gerecht auf Büsten vor und hinter dem frei im Raum stehenden Bild. Den Dialog hatte das Paar in einem schön gestalteten Büchlein zusammengefasst.

Arbeiten von Catherine Labhart und Heidi Arnold

Catherine Labhart webt Tapisserien, Heidi Arnold ist (Textil-)Künstlerin. Beim Beschnuppern suchten sie gemeinsame Interessen und fanden als erstes das Thema «Wasser». Stichworte wie Regentropfen, Pfützen, wogende See, erholsames Baden, Reflexion inspirierten zu verschiedenen Experimenten. Schliesslich webte Catherine zwei Tapisserien, Heidi gestaltete eine grosse Installation aus bemalten Videobändern. Nebeneinandergesetzt erzählen die beiden Werke vom Aufenthalt am Fluss oder See und dem Spiel von Licht und Wasser. Für die Erholung nach dem Bad hatte Heidi vier Hamamtücher in fein abgestimmten Farben gewebt, Catherine aus den Webresten passende Kordeln gefertigt.
Zu einem zweiten Thema – «ausaltmachneu» – suchte Catherine eine ihrer ältesten Arbeiten hervor, das «Horusauge». Heidi spielte damit, verkleinerte, nähte zusammen, stopfte aus, und es entstand ein überraschendes, neues Werk.

Arbeiten von Susanna Hildenbrand und Christine Läubli

Die Künstlerinnen Susanna Hildenbrand und Christine Läubli widmeten sich dem Thema Radicchio. Auf ihrem Weg entstanden Drucke, Zeichnungen und unterschiedliche Objekte aus Alltagsmaterialien, Stoff oder direkt aus Radicchioblättern. Die entstandenen Arbeiten fotografierte Susanna, so dass der Dialog an der Ausstellung transformiert als Bilder präsentiert werden konnte. Die Endinstallation vereinte drei grossformatige Fotografien von Susanna mit drei roten Riesenknäueln von Christine. Susanna hatte in ihren Bildern die Schönheit der Radicchi inszeniert, die Knäuel von Christine aus handgewebten Bahnen bezogen sich auf die faszinierende Schichtung der Salatblätter. Dieses Thema nahm auch eine Reihe von Collagenskizzen auf, in denen sich Hände in unterschiedlichsten Arten aufeinander legten.

Arbeiten von Marianna Gostner und Christine Läubli

Marianna Gostner hatte im Brockenhaus einen Atlas erstanden, die Seiten mit Hilfe einer Nudelmaschine zerschnitten, die Streifen mit dem Spinnrad zu Fäden verdreht und diese auf einem kleinen Webstuhl zum Teppich verwebt. Von weitem erinnerte das Ergebnis an einen Flickenteppich, aber auch an eine erholsame Landschaft. Darauf reagierte Christine Läubli mit den Arbeiten «Tourismus» und «Immigration»: Auch sie fand im Brockenhaus Atlanten und zerlegte diese. Je zwei Atlasseiten verflocht sie ineinander, so dass die beiden Länder / Völker zusammen neue neuen Musterungen ergaben. Der Dialog der beiden Künstlerinnen bestand aus kleinen poetischen Wortfetzen, die sie sich im Hin und Her per WhatsApp zugeschickt hatten.

Arbeiten von Maya Burgdorfer und Schulklasse

Maya Burgdorfer zeigte Interaktionen mit ihrer Schulklasse aus Erlenbach am Zürichsee. Sie hatte die Kinder Gipsabgüsse ihrer Gesichter machen lassen, später auch solche aus Ton, welche die Schüler glasierten. Die Abgüsse stellten die Frage: Bin ich zufrieden mit meinen Gesichtsmerkmalen?
Für den Ausdruck von Gefühlen suchten die Kinder in Zeitschriften Gesichter, die sie anschliessend bemalten. Nebeneinander gesetzt zeigen die Arbeiten das Spektrum der menschlichen Emotionen auf ausdruckstarke und berührende Weise.
Eine dritte Arbeit war in der Ausstellung durch grosse Fotoprints präsent: Während einer Projektwoche waren Kleider aus Papier und Karton entstanden. Von Andrea Diglas wunderbar fotografiert, liessen sie die Bilder und Träume die Kinder erahnen, die diese in sich tragen.
Auf die Schülerarbeiten reagierte Maya mit eigenen Masken, Figuren und Skulpturen.

Die Ausstellung in den schönen Räumen des Ortsmuseums Meilen war gut besucht, das Publikum zeigte sich sehr interessiert, und es liess sich von den vielfältigen Arbeiten begeistern.

ping pong – gestalten im dialog
Textil 13 und Gäste im Ortsmuseum Meilen bei Zürich
Kirchgasse 14, 8706 Meilen
28. Mai bis 13. Juni 2021
Öffnungszeiten :
Mittwoch und Freitag 14 bis 19 Uhr
Samstag und Sonntag 10 bis 17 Uhr