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Reportage über das Carrefour Européen du Patchwork in Sainte-Marie-aux-Mines

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Was ist mir bei meinem dritten Besuch beim Carrefour Européen du Patchwork besonders aufgefallen? Das Gedränge bei den Händlern. Ich dachte immer, jede von uns hätte inzwischen genug Stoff für dieses und zwei weitere Leben, aber da habe ich mich wohl geirrt. Auch die Ausstellungen waren sehr gut besucht, aber da war kein derartiges Gedränge.

Besonderes gefreut hat mich, dass es wieder eine Ausstellung von Quilts aus dem Quilt National gab. Ich bewundere die Quilts jedes Jahr, aber was ich wirklich haben wollte, war den neuen Katalog der Ausstellung 2019. Leider kann man ihn nur direkt beim Veranstalter Dairy Barn bestellen – und muss exorbitante Versandkosten bezahlen – oder eben hier ergattern. In den alle zwei Jahre erscheinenden Katalogen kann man man die Entwicklung der Quiltkunst – nicht nur in den USA – hervorragend verfolgen. Während bei vergangenen Ausstellungen das Gegenständliche stark vertreten war, scheint der Trend jetzt verstärkt zu großen unterschiedlich gequilteten und gestalteten Flächen zu gehen. Das spiegelt sich nicht unbedingt in den beiden Arbeiten, die ich hier ausgewählt habe.

Im Jahr 2019 feiert die EQA ihr 30-jähriges Bestehen. Um dieser Gelegenheit zu gedenken und ein Material hervorzuheben, die alle Mitglieder der EQA für die Produktion ihrer Arbeiten verwenden, forderte die EQA Quilterinnen aus allen ihren Mitgliedsländern auf, Werke für eine Ausstellung unter dem Titel „Threads without Borders“ zu schaffen.

Art Quilt Harbour (AQH) wurde 2016 als Ergebnis von gemeinsamer Arbeit und Treffen bei verschiedenen Anlässen, wie Kursen, Ausstellungen und Veranstaltungen in Tschechien gegründet. Die Mitglieder von AQH sind Eva Brabcová, Romana Cerná, Helena Fikejzová, Lálová Jana, Jana Sterbová, Michaela Zbejvalová und Irena Zemanová. Die AQH-Kollektion von 2019 besteht aus natürlichen Materialien wie Seide, Leinen, Zellulose oder Kork.

Die Schweizer Gilde PatCHquilt hat ihr 30-jähriges Jubiläum mit einer Challenge-Ausstellung gefeiert. Jedes Mitglied erhielt das gleiche Stück Stoff, rot mit weißen Sternchen, das in einem 30 cm breiten x 120 cm langen Banner sichtbar verarbeitet werden sollte. Alle Quilts mussten mit rotes Binding erhalten.  Rechts sehen Sie den Quilt „Almabtieb in Appenzell“ von Adelheit Risi. Und weil sie so schön nebeneinander strahlten, hier gleich sieben Quilts auf einmal: Von links nach rechts: Monique Bongard Stalder – Étoile des Alpes, Michèle Bruhin – A whole Lot of Nations, Marie Bruppacher – vielschichtig, Gisela Cerny – lived tradition, Margrit Cossy – Chez moi, Dominique Dallenbach – Red Cross, Martha Daugaard – Wohnen in der Schweiz.

Zum Staunen bringt mich jedesmal die Kunstfertigkeit der Quilterinnen, die für die französische Gilde France Patchwork die „Quilts de légende“, meisterliche Repliken alter traditioneller Quilts, nähen.

Vor 35 Jahren wurde die französische Gilde gegründet. Zur Feier dieses Geburtstags gab es einen Wettbewerb mit dem Titel Rubis, zu deutsch Rubine. Hier viele rubinrote Quilts, darunter der 1. und der 2. Preis. Die Preisträger-Quilts tragen kleine Rosetten oben links.

Jedes Jahr schreibt das Carrefour europén du Patchwork einen internationalen Wettbewerb aus. Dieses Mal hatte er den Titel „Opposites“, zu Deutsch „Gegensätze“. In der Ausstellung hängen zwar Schilder neben den Quilts, auf den die Titel und Größen vermerkt sind, die Namen der Quilterinnen erfährt man jedoch ausschließlich im Catalogue Prestige, der überall erhältlich ist. Am Quilt links fand ich die Kontraste und das ausdrucksstarke Quilting interessant. Was auf den ersten Blick wie ein aufgenähtes schwarzes Stück Stoff mit weißen Blumen aussieht, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als feine Spitzenarbeit! Geschaffen hat den Quilt die südkoreanische Künstlerin Jonkyeong Lee. Und noch eine Arbeit einer südkoreanischen Künstlerin: An Eunjoo mit dem Titel „Uptown and dowtown“. Für mich hat sie das Thema Gegensätze ausgezeichnet getroffen. Und der nächte Quilt hat mich sehr amüsiert: zwei kämpfende Hähne von Rossana Ramani aus Italien. Es fliegen die Federn! Ob das eine Anspielung auf die italienische Politik ist? Sie hat ihrem Quilt den Titel „Checkmate“, zu Deutsch „Schachmatt““ gegeben.

In der Église de l’Assomption in Lièpvre zeigte die südkoreanische Künstlerin Misun Chang ihre Arbeiten. Dächer mit ihren typischen Ziegeln, Möbel mit ihren metallnen Ornamenten und ein Blick aus dem Fenster eines Holzhauses haben es mir angetan. Die Künstlerin sagt von sich, das Herstellen von Quilts spiegele ihr Leben wieder.

Ganz anders die Arbeiten von Maya Chaimowich, die ebenfalls in dieser Kirche gezeigt wurden. In ihren Arbeiten verwendet sie so viele verschiedene Arten von Materialien wie möglich, z.B. Baumwolle, Spitze, Samt, verschiedene Arten von Seide und synthetische Stoffe. Der Großteil dieser Materialien stammt von gebrauchten, recycelten Kleidern. Der Quilt rechts heißt „The Feather“, wenn man eine Weile sucht, findet man die Feder auch!

Viewpoints 9 ist eine 2012 gegründete private, internationale Textilkunst-Gruppe. Die Gruppe besteht den Künstlerinnen Sue Dennis (Australien), Misik Kim (Südkorea), Lin Hsin-Chen (Taiwan), Alicia Meret (UK), Betty Busby, Diane Wright, Lisa-Marie Sanders, Kate Themel und Martha Wolfe (USA). Der Quilt „Moon Jar“ der Südkoreanerin Misik Kim ist wie ein klassischer Pojaygi gearbeitet, allerdings mehrlagig verfremdet.

Estelle Lacaussague hat in Montreal studiert. Als Designerin und Textilgestalterin verbindet sie in ihren eigenen Arbeiten verschiedene Techniken, wie Stickerei, Siebdruck und Patchwork und verwendet natürliche Materialien mit unterschiedlicher Haptik: rau, strukturiert, samtweich. Vor sich hat sie an ihrem Stand die von ihr designten Stoffe liegen.

Luke Haynes macht Portraits von Prominenten, aber gar nicht so, wie man sich das landläufig vorstellt. Davor stehend erscheinen die Portraits übermäßig in die Breite gezogen. Wenn man aber auf den mit weißem Klebeband auf dem Boden markierten, richtigen Stellen steht, mehrere Meter rechts oder links vom Portrait, dann erscheint das Bild „normal“. So möchte er zeigen, dass Quilts wie Skulpturen entworfen werden, nicht nur wie eine Stoffmalerei.

Das Künstler-Duo DAMSS (Daniela Arnoldi und Marco Sarzi-Sartori) hatte eine riesige neue Arbeit mitgebracht: „Venedig 3000“ in 7 Bannern mit 4 Meter Höhe und über 10 Meter Breite. Ein Jahr lang haben sie an diesem kolossalen Werk gearbeitet. Venedig scheint durch eine riesige Tsunami-Welle vom Meer verschlungen zu werden. Was in einigem Abstand großartig wirkt, gefällt mir aber auch sehr in den feinen Details.

Anne Worringer verwendet die japanische Shibori-Technik und Reservedruck zur Herstellung von schwarzen oder indigofarbenen Stoffen, die sie anschließend entfärbt und schließlich bestickt. Ihre komplexen Muster sind inspiriert von der Natur, von Wald und Bäumen, Ästen, Wurzeln, Rinden und Lianen.

Die SAQA (Studio Art Quilt Associates) hat sich zum Ziel gesetzt, den Bereich Artquilt und deren Künstler zu fördern. Die neue Ausstellung trägt dem Titel „Season after Season“. Damit sind allerdings nicht nur ganz gegenständlich die Jahreszeiten gemeint, sondern auch Übergänge im persönlichen Leben. Hier unter anderem „River of Life“ von Alicia Merrett, deren Arbeiten ich sehr bewundere.

COLORMINDS ist eine niederländische Gruppe von 7 Quilt-Künstlerinnen und besteht seit 2013. Dazu gehören Corinne Zambeek-van Hasselt, Mariëlle Huijsmans, Marjolijn van Wijk, Nienke Smit, Rineke van Zeeburg, Rita Dijkstra und Suze Termaat. Die Ausstellung zeigte acht Serien jeweils basierend auf einer Auswahl von Farben des Farbkreises. Natürlich bin ich bei Rot-Orange-Gelb hängen geblieben!

Die Russische Quiltgilde wurde erst vor zwei Jahren gegründet. Patchwork und Quilten sind jedoch sehr beliebt in Russland und haben eine lange Tradition. „Material culture“ war das Thema des ersten Projekts der Russischen Quiltgilde. Das Ziel war die Untersuchung der uns umgebenden materiellen Welt. Die Quilterinnen hatte die Aufgabe, Dinge, gleich wie unwichtig sie scheinen, genau zu betrachten und ihre Geschichte zu erforschen. Hier ein Quilt, auf dem Höhlenmalereien zu sehen sind und ein weiterer, der die Schichten darstellt, die bei einer Ausgrabung zutage kommen.

Quilts aus der 14. Quilt Nihon Ausstellung, einem der angesehensten internationalen Quiltwettbewerbe Japans, zeigte die Vereinigung Japanischer Handarbeitslehrerinnen JHIA. Hier zwei wunderbar gearbeitete traditionelle Arbeiten. Die beeindruckend exakten Spitzen in dem Quilt „Beginning of Morning“ von Fusako Yamada habe ich ganz aus der Nähe bewundert.

In einem schönen Raum im sogenannten „Maison des oeuvres“ in Sainte-Croix-aux-Mines zeigte die Gruppe „Grenzenlos“, bestehend aus der Schweizerin Doris Leuenberger, der Französin Sophie Maechler und der Deutschen Monika Schiwy-Jessen, die Ausstellung „Hommage an die Natur“. Mit ihren Arbeiten möchten die Künstlerinnen die Betrachter auf die Schönheit der Natur hinweisen und anregen, darüber nachzudenken, wie kostbar die Wunder der Natur sind.

Hier einige schöne Bilder aus der Eglise Saint Nicolas in Sainte-Croix-aux-Mines. Dort zeigte die Deutsch-Afghanische Initiative zarte Blumen-Quilts von Elsbeth Nusser Lampe und daneben Stickereien afghanischer Frauen. Die Aufgabe der Stickerinnen war es mit ihren Handstickereien die Quilts auf den zur Verfügung gestellten Fotos zu interpretieren.

Zuletzt möchte ich noch auf ein ganz besonderes und unbedingt nachahmenswertes Angebot des Carrefour Européen du Patchwork hinweisen: „Die Galerie“. Im Erdgeschoss des Theaters von Sainte-Marie-aux-Mines konnten Besucher Quilts in allen Stilen, Größen und Preisklassen erwerben. Es gab dort unter anderem Werke von Martine Molet-Bastien, Elina Lusis-Grinberga, Anne Worringer, Beate Angeloni Baldoni, Ellen Remijnse, Marie-Francine Brochard … Ich fände großartig, wenn auf diese Weise textile Kunst verkauft werden könnte.