Reportagen

Teximus 3 – Blick auf die textile Kunst der Schweiz

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«Lange Fädchen – faule Mädchen» lernten wir damals in der Handarbeitsstunde: Früher dienten die textilen Techniken vor allem dazu, das weibliche Geschlecht zu disziplinieren. Und heute? Was machen zeitgenössische Künstlerinnen aus langen Fädchen?

Textile Kunst wird heute neu gedacht. Befreit aus dem Kontext der Disziplinierung zeigt sie ein riesiges Potenzial an künstlerischen Möglichkeiten. Museen und Galerien in aller Welt geben ihr zunehmend die Beachtung, die ihr gebührt. Trotzdem haben noch zu viele Menschen Berührungsängste mit Textilkunst. Sie nehmen sie statt als ernst zu nehmende Kunstsparte als Bastelei wahr. Dagegen hilft nur eine hartnäckige und breite Präsentation der textilen Kunst in der Öffentlichkeit. Deshalb organisiert die Gruppe Textile Art Forum Schweiz (www.tafch.ch) seit 2014 im Dreijahrestakt die Ausstellungsreihe Teximus. Hier erhalten Künstlerinnen, die sich mit textilen Themen beschäftigen, eine Plattform und können sich vernetzen.

Vom 14. bis 18.Oktober 2020 war die dritte Ausstellung der Folge Teximus in der Altstadthalle Zug in der Zentralschweiz zu sehen. Um die Qualität der Werke zu gewährleisten, waren die Werke juriert. Verantwortlich für die Präsentation war die Künstlerin Heidi Arnold-Trudel.
Zu sehen waren 41 Werke von 29 Künstlerinnen aus der Schweiz (vier nominierte Werke konnten coronabedingt leider nicht gezeigt werden), dazu unjurierte Arbeiten der Organisatorinnen und TAF-Mitglieder Bea Bernasconi, Ursula Suter und Christine Läubli. Trotz der zweiten Coronawelle war die Ausstellung Teximus 3 sehr gut besucht; sie begeisterte durch ihre Vielfältigkeit und Qualität.

In der hohen Eingangshalle fiel zuerst das Werk «Tausendfüsslerinseln» von Sabine Mangold ins Auge – eine tagebuchartige Stickerei, welche die Gemütslagen des Alltags in einzelnen Kreisen aufzeichnet.

Die beiden kleinen Tapissierien von Cilia Unholz «Fliessend» und «Aufbruch» fangen unterschiedliche Rhythmen und Bewegungen ein. Maya Andrey bricht die bauhausmässige Strenge ihrer Komposition durch Stricktechnik und Material. Martine Edard nennt ihre Arbeit «Soft Mosaic»; ihre Farben gewinnt sie ausschliesslich im eigenen Garten. Grietje van der Veen gestaltete in «Erosion» ein ausdrucksstarkes Bild mit Tiefenwirkung. Annette Wells Talsi verflocht innere und äussere Einflüsse auf das menschliche Gehirn.

Gegenüber hing der grossformatige Quilt «Holz» von Sabine Bärtsch-Schnyder; auch sie färbt ihre Stoffe selber, erzeugt aber durch die Verwendung von chemischen Farben eine überwältigende Leuchtkraft.

Dominique Eliane Girot hatte sich aus einer Werbung die Abbildung einer Leiter herausgepickt, das Bild verpixelt und gestickt. Als Gobelinstickerei wirkt die Leiter zwar edler, aber auch ziemlich unstabil.

An der Rückwand des Erdgeschosses waren die stillen Werkgruppen von Catherine Labhart und Noriko Steiner-Obata platziert. Catherine Labharts «Schatten», eine vierteilige Tapisserie-Serie ganz in Weiss, spielte ausschliesslich mit Licht und Schatten.

Noriko Steiner-Obata hatte in ihrer Heimat Japan auf Flohmärkten alte Kimonos gesammelt, diese zerrissen und zu neuen Bildern zusammengesetzt.

Im 1. Stock war das mit dem Jurypreis ausgezeichnete Werk von Sabina Schwaar zu sehen: «stoff des grossen vergessens – der demenz». Sabina hatte eine Malerei mit einem Durcheinander von Fäden, Leerstellen, Filz zugedeckt. Stellenweise waren Blütenblätter aufgestreut – eine Erinnerung an die von der Demenz verdrängte Schönheit der Vergangenheit.

Ursula Anna Englers gestricktes Netz aus Industriedraht war ein Hauch von nichts und verwies auf die digitalen Strahlungen, denen wir schutzlos ausgesetzt sind (im Vordergrund). Gabriela Giger zeigte zwei Kompositionen aus Recyclingmaterial und Stoff– eine Hommage an die Natur, aber auch ein Archiv, in dessen Grün man beim genauen Hinschauen Ohrenstäbchen, Gürtel, Tabletten und andere Dinge ausmachen konnte (links). Katja Bächtold hatte ein Schicksalstuch gewebt, und Roland Jucker die Tänzerin Maja Cutz fotografiert, wie sie mit dem Tuch tanzte (rechts, hinter dem Netz).

Myrta Moser-Zulauf hatte sich mit dem Bezeichnen von Textilien beschäftigt. Einerseits zeigte sie eine Collage aus mit Monogrammen bestickten antiken Servietten und Tüchern, im Gegensatz dazu stand die Komposition aus zeitgenössischen Labeln. Die Gegenüberstellung zeigte unseren Umgang mit Textilien auf: Früher galt ihnen ein sorgfältiger, lebenslanger Umgang, heute sind sie ein Wegwerfartikel.

Daniela Melberg hatte ein faszinierendes Spiel mit Innen und Aussen, Oben und Unten gefilzt, dessen Dreidimensionalität je nach Standpunkt des Betrachters mehr oder weniger zur Geltung kam.

Ruth Ingold-Wöhrle hatte quadratisch angeordnete Pergamentstreifen in Stopftechnik übernäht. Die Technik transformierte die geometrische Strenge in eine lebendige Unregelmässigkeit.

Heidi König hatte sich von Wellenbewegung der Küste von Lanzarote inspirieren lassen.

Das Treppenhaus wurde von einem Werk von Leena Amin beherrscht. Die vielen hundert Taschentücher, die sie luftig in eine Tapisserie eingewoben hatte, erinnerten an Frau Holle und die Kraft unserer Grossmütter.

Im 2. Stock fielen Weste und Kappe von Marianne Vogler auf. Sie waren aus den über Jahren gesammelten Haaren der Künstlerin gefilzt und faszinierten ebenso, wie sie irritierten.

Eveline Cantieni zeigte eine Kohlezeichnung mit einem Ausschnitt aus einer alten Tischdecke, die ihre Grosstante aus dem Exil gerettet hatte. Sie holt uns ganz nah ans Gewebe heran, jedes Fäserchen und jeder Faden ist sichtbar.

Grosse Freude hatte das Publikum an den «Partnervorschlägen» von Marianne Keel: Sechs Männertypen standen zur Auswahl, jeder Kerl aus Lappen zusammengenäht: der feinfühlige Poldi, der Maschinenfan Guido, der Hundehalter Reto, der Tänzer Gilbert und der Träumer Carlo.

Monika Künti hatte Neuseeländer Flachs bzw. Plakat- und Zeitschriftenpapier verflochten. Solche Bänder stellte man früher in der Schweiz tonnenweise für Hüte her; heute geschieht dies in Billiglohnländern. So bekommt die wunderschöne Flechtarbeit plötzlich eine politische Dimension.

Ein zartes Werk stammte von Eva Muff-Steiner: Sie hatte auf Merinowolle Organza aufgefilzt. Auf dem Bild waren je nach Blickwinkel feinste rote Fäden auszumachen.

Nancy van Dijk vergrösserte die Briefmarke mit der holländischen Königin Beatrix und setzte das verpixelte Bild in vier Stickereien um. Von drei Bildern sah man die Hinterseite – ungeahnte Ansichten der Königin!

Beatrice Streuli präsentierte ein scherenschnittartiges Korsagenkleid, das sie aus dem Material eines ehemals gemalten Bildes gestaltet hatte. Nach dieser Metamorphose soll es unsere zeitgenössischen Machthaber daran erinnern, dass ihnen etwas mehr Weiblichkeit und Transparenz nichts schaden würden.

Patricia Brunner zeigte zwei faszinierende Drahtzeichnungen: Erst als Schatten an der Wand ordnete sich das Chaos zu einer deutlich lesbaren Darstellung.

Verena Vogelsanger hatte puppenkopfgrosse Köpfe gefilzt, die sie eng aneinander positionierte: Man kann auch unter Menschen allein sein …

Im Dachgeschoss waren als letztes juriertes Werke zwei Mäntel in Riesenformat von Anna Affolter zu sehen – sie strahlten eine überwältigende, geisterhafte Kraft aus und überzeugten mit subtilen Details.

Die übrigen Werke in diesem Raum stammten von den drei TAF-Organisatorinnen und waren unjuriert. Bea Bernasconi gestaltete aus den bunten T-Shirts ihrer verstorbenen Mutter fröhliche Skulpturen.

Ursula Suter hatte Strukturen und Objekte in reinem Weiss gefilzt, die faszinierende Schatten warfen.

Christine Läublis «italienische reisedecke» war ein Sammelsurium von Schnipseln, die nach verschiedenen Italienreisen mit nach Hause kamen und zur Flickendecke komponiert worden waren.

Die dritte Ausstellung der Teximus-Reihe zeigte einmal mehr, wie lebendig die Kunst rund ums Textil in der Schweiz ist.

Zur Ausstellung erschien ein Katalog:
Katalog Teximus 3: CHF 25 plus Versand
Sparpaket Katalog Teximus 1 und 2 zusammen: CHF 8
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