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Textilkunst vom Feinsten: Ein Besuch im Atelier von Gudrun Leitner in Berlin-Mitte

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Anlässlich des Wochenendes der offenen Galerien in Berlin (27. bis 29. April 2018) war auch das Atelier von Gudrun Leitner zugänglich. In der Auguststraße 71, ganz zentral in Berlin-Mitte, wird die Besucherin von einem konzentrierten Blick aus dem kleinformatigen Bild an der geöffneten Eingangstür von der Straße weggeführt. Über einen kleinen romantischen Hof mit Baum und etwas Grün geht’s zum Hinterhaus, dann über ein paar Treppen zum Atelier der Künstlerin im Hochparterre.

Gudrun Leitner zeigte an diesem Wochenende in den beiden Atelierräumen Werke zu vier Schwerpunkten ihrer Arbeit. Alle Arbeiten stammen aus den letzten fünf Jahren.

Im zweiten Raum, in dem auch ihr großer Arbeitstisch steht, faszinieren mich auf Anhieb drei großformatige Textilbilder zum Thema ‚Alter’. Hier arbeitete Gudrun Leitner mit dem Fotografen Manfred Klimek zusammen und nahm drei Porträts als Grundlage für ihre Textilbilder. Dass es ihre eigene Auswahl war, lag ihr besonders am Herzen. Es ging ihr dabei um Personen, die ‚real’ sind, ihr aber unbekannt. Ohne es also zunächst zu wissen, hatte sie die Porträts folgender Personen ausgesucht: Nikolaus Harnoncourt, Bernhard Minetti und Patricia Highsmith.

Einen jeweils anderen Bildausschnitt des Fotos wählte sie dann für ihr Textilbild: Die Augen von Nikolaus Harnoncourt, das Profil von Bernhard Minetti, einen Ausschnitt des Gesichtes von Patricia Highsmith. So steht jedes Kunstwerk für sich, mit ganz eigenem Bildaufbau und jeweils anderer Farbkomposition. In der von ihr zur Perfektion entwickelten Arbeitstechnik sind auch bei diesen Bildern viele Schichten textiler Gewebe aufeinander genäht – bis das „Bild“ nach Gudrun Leitners Vorstellung klar in Erscheinung tritt. Die Augen von Nikolaus Harnoncourt sind in diesem Arbeitsprozess geradezu foto-realistisch geworden: Sie verfolgen einen durch den ganzen Raum. – Erst nach Vollendung der drei Arbeiten ließ sich Gudrun Leitner die Identität der dargestellten Personen enthüllen und befasste sich erst zu diesem Zeitpunkt mit deren Lebensgeschichte. Dann den Bogen zu schlagen von der Realität zu ihren Bildern, fand Gudrun Leitner besonders spannend, wie sie mir erklärt.

Ein weiteres Porträt in diesem Raum zieht die Aufmerksamkeit auf sich, das von Vincent van Gogh und zwar in verschiedenen Varianten. Ursprünglich durch einen Wettbewerb eines niederländischen Museums angeregt, an dem die Künstlerin letztendlich aber aufgrund eines Missverständnisses gar nicht teilnahm, erarbeitete sie zunächst ein vielfarbiges Porträt dieses Malers, das durch seine Lebendigkeit, Farbigkeit und Intensität besticht. Auch hier sind es besonders die Augen, die den eigenen Blick halten. Hier arbeitete Gudrun Leitner, wie sie mir erläutert, mit Stoffen in 80 Farben (einschließlich Gold) in bis zu 15 Lagen übereinander. Dass dennoch dieses Bild glatt und plan ist, erstaunt ebenso wie die Tatsache, dass die Rückseite dieses Werkes genauso sehenswert ist wie die Vorderseite. Gudrun Leitner erwähnt, wie wertvoll und unterstützend für ihre Arbeit das Sponsoring des Materials durch die Garn-Firma Alterfil in Oederan (Sachsen) ist.

Parallel zu diesem farbigen Porträt van Goghs erarbeitete sie auch sein Porträt in Gold auf Schwarz. Bei dieser Farbauswahl sei es ihr darum gegangen, dass es „wertig“ ausschaut, und erarbeitete mehrere Porträts in dieser Farbkombination. Sie nennt als Titel dieser Reihe – etwas (selbst?)ironisch –  ‚Gudi van Gold’.

Insgesamt, betont Gudrun Leitner, gehe es ihr immer darum, Werke zu schaffen, in denen sie Ruhe finde. Das lässt sich auch im ersten Raum des Ateliers gut nachvollziehen, in dem einerseits kleinere Arbeiten jüngeren Datums hängen, andererseits zwei großformatige Werke, die mit der Erinnerung an ihre Kindheit in Kärnten zu tun haben. Diese beiden Arbeiten, erst auf den zweiten Blick als vierteilig zu erkennen, sind eine Reminiszenz an die Kinderjahre auf dem österreichischen Bauernhof: Es sind Ausblicke aus dem Mähdrescher ihres Vaters: in den blauen Sommerhimmel einerseits und in die rostigen Details der Technik andererseits. Gudrun Leitner verbindet hiermit auch die Geräusche und Gerüche des Sommers auf dem Land und die damit verbundenen Gefühle. Energie soll in den verwendeten Farben zum Ausdruck kommen. Sie wünsche sich, erklärt Gudrun Leitner, dass dieser Anblick beim Betrachter immer Freude auslöst.

Die anderen Werke in diesem Raum sind kleinformatige Textilbilder, die jüngstens entstanden sind. Hier wandte sich Gudrun Leitner ihrer heutigen Umgebung und Themen „am Wege“ zu: Der Ausblick aus ihrer Wohnung auf den Fernsehturm als Triptychon, Blicke auf das Bundeskanzleramt und das Reichstagsgebäude, bei Spaziergängen wahrgenommen, Windräder in der Landschaft, unterwegs entdeckt. Hier arbeitete sie, erklärt die Künstlerin, bewusst von ursprünglich großen Motiven auf kleine Formate. Das sei eine neue Herausforderung gewesen. Auch bei diesen Textilbildern beeindrucken die kontrastreichen Farben, die soviel des Zaubers ausmachen, der von den Werken von Gudrun Leitner ausgeht.

Erfüllt von intensiven Eindrücken verlasse ich das Atelier, verfolgt von den traurigen Augen von Nikolaus Harnoncourt, der durch das geöffnete Fenster in den Hof schaut…

Alle Bilder stammen von Birgit Ströbel.